DIE RHEINPFALZ, NR. 53, 03.03.2016 – von ttg (Fr. Schmalenberg).

Im Moment

Markus Stockhausen und das Raschèr-Saxophone-Quartet

Rappelvoll war es am Samstagabend auf dem Haftelhof, wo sich der Trompeter Markus Stockhausen und das Raschèr-Saxophone-Quartet zu einem Konzert der besonderen Art trafen. Alle wollten miterleben, wie „Intuitive Musik“ wirkt und wohin sie diese versierten Musiker, aber auch das Publikum führen kann. Ein faszinierendes Erlebnis, dessen Energie sich nach zwei Stunden pausenloser Dynamik in aufbrausendem Applaus entlud.
Es gibt Momente, in denen die Zeit keine Rolle spielt. In denen man sich ganz und gar verliert, nur dem Hier und Jetzt gehört und alles andere vergisst. Manche mögen solche Zustände beim Yoga, andere beim Meditieren finden, diejenigen aber, die am Samstag auf dem Haftelhof waren, haben sie als „Kontinuum“ dieses garantiert einmaligen, unwiederholbaren Konzertes mit Intuitiver Musik gespürt. Auch für Markus Stockhausen, der den Begriff von seinem Vater übernahm und auf eigene Weise – nämlich völlig ohne jede Takt,- Rhythmus- oder Notenvorgabe – weiterführte, sind diese Augenblicke höchster Vollendung keine Selbstverständlichkeit und deshalb hat er sein erwartungsfrohes Publikum zuvor gewarnt. „Bei dieser Art des Musizierens, das ich als erweiterte Improvisation verstehe und das im amerikanischen ‘Instant Composing‘ heißt, werden alle Entscheidungen im Jetzt getroffen. Das ist natürlich ein Wagnis, ein Risiko“. Aber nur wer wagt, kann auch gewinnen, und das war in diesen zwei Stunden bereitwilliger Hingabe auch bei denen der Fall, die sich an manche Dissonanz erst gewöhnen mussten. Obwohl Markus Stockhausen mit verschiedenen Klangelementen – einem Rauschen und Rascheln als naturverbundene Hinführung zur Stille – die Konzentration auf den Beginn leicht machte, schien es zunächst auch für die Musiker nicht einfach zu sein, sich selbst im Universum der Klänge und Rhythmen zu finden. Christine Rall (Sopran), Elliot Riley (Alt), Kenneth Coon (Bariton) und Andreas van Zoelen (Tenor, Bass) führten ihre Instrumente erst vorsichtig tastend, sorgsam suchend in den Raum, bevor es gelang, deren vielfarbige Stimmen aus einem wogenden Gemurmel in prägnante Gespräche zu führen, stetig auf- und abebben zu lassen. Immer wieder erhoben sich jetzt betörende Melodien über diese vielgestaltige Unterhaltung hinweg, steigerten sich zu Duetten und Soli (die – vor allem dann, wenn sich Markus Stockhausen mit Trompete oder Flügelhorn das Wort gab) geradezu andachtsvoll verinnerlicht wurden. Immer vielseitiger und mutiger wurden die Rhythmen, Geräusche und Klänge, – Kenneth Coon gab sogar mal mit Schlägen auf seinem Kaffeebecher den Takt vor – und immer voluminöser wurde der Sound. Die Stimmung kippte von rauschartigen „Ravel“-Episoden in indianische Trancezustände und erlöschte auch dann nicht, als manch „natürliches Ende“ eigentlich spürbar war. Aber nein: Ein Saxofonton – und war er auch noch so leise – hielt immer noch die Glut am glimmen, sogar dann, als das Publikum nach fast eineinhalb Stunden mit von Markus Stockhausen initiierter Unruhe selbst Geräusche machte und damit nur einen neuen „Schub“ Trance ähnlicher Wallungen auslöste. Bis der Maestro schließlich geradezu rabiat wurde, trommelnd und gestikulierend, schließlich lauthals im Stakkato einer Fantasiesprache lamentierend, Einhalt gebot und ein relativ abruptes Ende erzwang, Die „Raschèrs“ wären sonst vielleicht bis heute nicht aus diesem energetischen Strudel gefangen, den Markus Stockhausens Intuitive Musik bei ihnen – aber auch den Zuhörern entfachte.




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