Neue Westfälische, 11.05.2015 – Von Heike Sommerkamp.

Musik aus dem Moment heraus

Verl-Kaunitz. Irgendwie Jazz, irgendwie aber gleichzeitig auch Romantik und meistens balladig – der Komponist und Trompeter Markus Stockhausen zelebrierte am Sonntagabend beim Verler Sommer in der Marienkirche das Wesen der „intuitiven Musik“. Mental eng an seiner Seite Jazzpianist Florian Weber – gemeinsam sind sie das Duo „Inside out“.

Musik aus dem Moment, aus dem eigenen Inneren heraus entwickeln, dabei seine Eindrücke, seine Stimmung und sogar das Raumgefühl einfließen lassen – das klingt geradezu meditativ. Ist es auch. Dieser Abend glänzte vorwiegend in leisen Tönen. Den Anfang machte Stockhausen solo, am Flügelhorn. Versonnen lauschte er dem Verhallen seiner ersten Töne nach, gab dann gebrochene Akkorde ins Kirchenschiff, auf dass sie der Hall zusammenfüge. Atemlose Stille bei den 120 Hörern: Jedes Stuhlknarren, jedes Räuspern hätte den Musikgenuss gestört. Präsente Gestaltung, weit gefasste Dynamik und fesselnd genutzte Ausdrucksvielfalt prägten Stockhausens Spiel.
Dann erkundete Florian Weber den Raum. Er begann unisono, ertastete behutsam den Hall, den Raum. Erst allmählich erwuchsen Unterstimmen aus seinem Spiel, sukzessive von glitzernd-perlender Strahlkraft geprägt. „Hier habe ich schon öfter gespielt, hier habe ich eine Basis gefunden – das ist schon fast Heimat“, beschrieb der Jazzpianist seine Verbindung zur Marienkirche, zu den Verler vier Jahreszeiten-Konzerten.
Im Duo spielten die Musiker zunächst „Zephir“ von Markus Stockhausen. Das Flügelhorn in seiner charismatisch ausgespielten Klangvielfalt meist voranstrahlend, der virtuos-vielschichtige Klavierpart mental stets in unmittelbarer Nähe, aber oftmals eher im Unterbau des Klanggefüges tätig. Dann „eine kleine Uraufführung“, die Stockhausen in Verl nicht näher benannte und für die er erstmals zur Trompete griff. Versatzreich, suchend, voll von sperrigeren Harmonien – und intensiv dargebracht. Nachdem der „Mondtraum“, wiederum ein Fall fürs Flügelhorn, seine berückende meditative Klangkraft im Kirchenschiff entfaltet hatte, stand Weber plötzlich allein auf der Bühne. „Ich erfahre gerade, dass ich ein Stück allein spiele“, verkündete er – und bat das Publikum um Benennung von fünf Noten. Mit g, a, f, cis, b improvisierte er, in lockerer Haltung fast in den Flügel kriechend, ein facettenreiches und vielschichtiges Stück Jazz.
Wieder im Duo, beschrieben die Musiker mit Stockhausens „Better World“ zwischen Hoffnung und aufkeimender Euphorie eine fesselnde, friedvolle Vision einer strahlend schönen Welt. Angesichts des sakralen Raums spielte Inside Out nun „Our Father“, Stockhausen hatte die Vaterunser-Vertonung einmal für eine Theaterproduktion komponiert.
Bei der Zugabe konnten die Verler noch einmal intuitive Musik in ihrer Entstehung beobachten: Eigentlich gerade eher in der Begleitfunktion, brach Weber bei einer kurzen Solopassage in schnelleren Rhythmus aus, stampfte rhythmisch den Takt mit und trieb seinen Beitrag bis zum Boogie-Modus an. Und Stockhausen? Erst gelinde erstaunt, versuchte er mit unauffälligen Handzeichen, das Stück wieder zurückzuführen, um seine nächste Trompetenpassage anbringen zu können. Dann ein Lächeln, Entspannung, sogar zustimmendes Nicken. Und ehrliche Freude, dass an diesem Tag, in dieser Kirche, mit diesem Pianisten diese rhythmusreiche Sequenz zu seinem Werk dazu gehörte – intuitiv eben.




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