Ascent and Pause

Vor vielen Jahren sah ich zum ersten Mal dieses Gemälde von Johannes Itten in einer Ausstellung in Essen. Es war das einzige Bild, dass mir damals gefiel und mir das Gefühl gab: da, endlich, ein Bild das mir entspricht. Ich habe es nie vergessen.

Johannes Itten, Schüler von Kandinsky, war ein wichtiger Künstler und Lehrer am Bauhaus. Sein farbenfrohes Bild ist voller Leben, Frische, Kraft. Die Geometrie gibt Ordnung, und doch lebt im Ausdruck die Spontanität. Das suche ich auch in meinem Stück: die wechselnde Beziehung zwischen Komposition und Improvisation. Ich liebe das Spontane, in Reaktion auf das, was um mich ist (und in diesem Falle von mir geformt wurde), und die Offenheit für das Neue, Unerwartete.

Als ich die Einladung zu „Note Depinte“ bekam, einer besonderen Konzertreihe in Mailand, geleitet von Mario Brunello, der mir auch den Kompositionsauftrag gab, dachte ich sofort an „Aufstieg und Pause“ von Itten und machte den Titel zum Programm für mein Stück. Ich schrieb das Stück im September 2003, relativ rasch, für mich unerwartet innerhalb einer Woche.

Es gibt eine Einleitung, die den Zuhörer einstimmt auf den Klang von Streichern und Flügelhorn, mit einer ersten, kleinen Improvisation, und darauf beginnt mein ‚Aufstieg‘, ein bewegtes Miteinander, in dem die Zahl „7“ immer wieder eine Rolle spielt. Kanonische Themenfortführungen münden schließlich in einer frohen Improvisation, die an meine Zeit als Mitglied im Rainer Brüninghaus Trio, Anfang der Achtziger Jahre erinnert (CD „Continuum „, ECM). Ein Einhalten im Aufstieg führt in eine etwas nachdenkliche Stimmung mit gestopfter Trompete; der bekannte Harmon-Sound von Miles Davis färbt die Stimmung. Die Streicher spielen nun ein kanonisch-kontrapunktisches Zwischenspiel, in dem wieder die „7“ eine Rolle spielt. Nicht zu leugnen ist der Einfluss von Johann Sebastian Bachs Musik in meinem Leben. Bereits als Kind spielte ich oft seine Präludien und Fugen am Klavier, Aufführungen vom 2. Brandenburgischen Konzert gehören zu den glücklichsten Momenten in meinem Leben.
So sind dieses kleine Zwischenspiel und andere Stellen im ersten Teil vielleicht unbeabsichtigt eine kleine Hommage an Bach geworden.

Der ‚Aufstieg‘ geht dann energischer und rhythmischer mit offener Trompete weiter und leitet zum zweiten Mal in eine jazzige Improvisation. Meine Erfahrungen im Jazz sind mir zur zweiten Natur geworden (oder dritten, neben der Klassik und der zeitgenössischen Musik), ich spielte immer wieder in kleinen Ensembles, wie aber auch in Big Bands. So endet schließlich der ‚Aufstieg‘ in einem kurzen Tutti-Riff voller Intensität.

Es folgt die ‚Pause‘. Ich wollte die Zeit still stehen lassen, innehalten, und das in Musik ausdrücken. Kleine harmonische Veränderungen, kaum eine Bewegung, Klang-Meditation. Das Denken bekommt kein “Futter” mehr, es entsteht Ruhe. Erst improvisiert das Flügelhorn und zum Schluss die Piccolo Trompete zart, mit klaren Linien, und die Streicher werden animiert, von dieser improvisatorischen Freiheit zu kosten. Das harmonische Ineinanderfliessen der Instrumente führt zum Ausklang.

Besetzung:

Solo-Flügelhorn / Trompete / Piccolotrompete
Streichorchester

Eine Auftragskomposition des Orchestra d’Archi Italiana
Uraufführung am 17. Jaunar 2004 in Rom, Italien

Aktivraum Musikverlag, Köln 2003
ISMN : M-700233-10-5




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