Kursbericht Intuitive Music and More

Markus Stockhausens Internationale Akademie
Ein Bericht von Stephanie Lepp, im April 2011

Was ist „Intuitive Music and More”? Auf diese Frage eine kurze Antwort zu geben, ist nicht leicht. Am besten, man erfährt es einmal selbst. Der folgende Text soll etwas von dem wiedergeben, was ich in mehreren Kursen, die Markus Stockhausen seit ca. 2007 an wechselnden Orten im In- und Ausland gibt, erlebt habe.

Schon immer hat es mich fasziniert, wenn in der Musik keine Stilrichtung festgelegt war, sondern wirklich offen musiziert werden konnte. Genau dies ist hier der Fall. Jeder kann sein musikalisches Können und Wissen auf unterschiedlichste Weise direkt einbringen und kreativ erweitern. Man geht auf eine Reise durch „Klang- und Tonwelten“, tonal, atonal, abstrakt oder melodisch, etc. – mal solistisch, mal im Hintergrund im Team mit verschiedensten Musikerinnen und Musikern. Gefordert ist helles Wachsein, um sich immer wieder auf neue, unerwartete Situationen einlassen zu können. Dabei ist die musikalische Kommunikation mit den Mitmusikern Muss und Genuss. Diese Art des Musizierens ist für mich Ausdruck meiner selbst – jeder Ton kommt aus mir, ist Teil von mir und zugleich Teil des Ensembles. Außerdem wird das Gehör sensibilisiert und intensiv geschult, das Fühlen von Tönen, Stimmungen sowie Atmosphären geradezu antizipiert – lebendige Intuition! Alles ist ständige Herausforderung. Während ich mit meinen Ideen, Möglichkeiten und Grenzen beschäftigt bin, darf ich nichts von dem aus den Augen, bzw. Ohren verlieren, was um mich herum geschieht. Dies bedeutet, das Ego des Öfteren zurückzunehmen und einfach „im Moment“ zu sein, im Hier und Jetzt, mit dem gemeinsamen Ziel: Was dient der gerade entstehenden Musik?

Um nach und nach ein Gespür für jeden Ton, jedes Intervall, jede Skala zu entwickeln und sich so der tieferen Bedeutung der Töne bewusst zu werden, sind bestimmte Gehörbildungsübungen am Instrument ein wichtiger Teil der Kurse, z. B.:

  • Vor- und Nachspielen sowie Erkennen von Intervallen, Dreiklangsumkehrungen und verschiedensten Skalen (z. B. Kirchentonleitern, Ganztonleiter, Achttonleiter) usw. durch allerlei Tonarten
  • Nachspielen von Tönen, zuerst im Quintraum, dann im Oktavraum (alle zwölf Halbtonschritte) – die Töne sollen intuitiv so schnell wie möglich getroffen werden
  • zwei Spieler improvisieren Intervalle, abwechselnd verändert jeder jeweils einen Ton – ein dritter gibt die Namen der Töne an
  • die Gruppe spielt langsam Intervalle nach und hält jeden Ton lange aus, dieser dient jeweils als Grundton für einen weiteren Musiker, der in einer bestimmten Skala (z. B. in dorisch) darüber improvisiert. Kaum fühlt sich der Improvisierende in einer Tonart „sicher“, wird der Grundton gewechselt
  • Nachspielen verschiedenster Patterns innerhalb einer bestimmten Skala
  • tonale Improvisation innerhalb einer bestimmten Skala
  • Duo: Start in einer vorgegebenen Skala, jeweils ein Spieler verändert einen Ton, auf den der andere reagieren muss. So entstehen immer wieder neue Skalen, die man „durchwandert“.

Gehör und Wahrnehmung sollen so weit ausgebildet werden, dass man bei tonalen Gruppenimprovisationen erkennt, wie sich Töne verändern, welche neuen Töne hinzukommen und dass man weiß, in welcher Skala man sich befindet, wohin man gehen möchte oder könnte, etc.
Nach Markus Stockhausens Philosophie richtet sich die Aufmerksamkeit im Idealfall je zur Hälfte auf sich selbst und auf die Mitmusiker. Ständige Aufmerksamkeit ist Voraussetzung. Musik wird zu „einer Art Skulptur, an der gleichzeitig mehrere Bildhauer arbeiten“.
Die Freiheit des Intuitiven Musizierens bedeutet für jeden Spieler immer wieder neu, eigenverantwortlich zu sein und zu entscheiden, was er spielt oder nicht. Fragen tauchen auf, wie z. B.: Welcher Ton ist der nächste? – Soll ich mehr spielen oder laufe ich Gefahr, etwas Schönes zu zerstören? – Gehe ich in eine andere Richtung und gebe einen neuen Impuls? – Steige ich wieder aus? – Hat sich da gerade eine neue Skala manifestiert? – Unterstütze ich diese Richtung oder soll ich den Fluss verändern und wenn ja, wie?? etc.
Es gibt also vieles zu beachten, besonders auch die Ehrlichkeit zu sich selbst. Das bedeutet, ich sollte wirklich nur dann spielen, wenn ich etwas zu sagen habe. Nach und nach stelle ich fest, dass ich gewisse Töne stereotyp spiele und manches immer wieder „vorprogrammiert“ abläuft. Solche eingefahrenen Gewohnheiten bewusst zu unterbrechen, erfordert Kreativität – eine Chance, Neues auszuprobieren und die eigenen Grenzen auszudehnen.

Es wird in verschiedensten Besetzungen improvisiert, oft ganz frei oder in Verbindung mit gewissen Aufgabenstellungen:

  • motivisch: auf ein bestimmtes Motiv eingehen, es verändern, erweitern, umkehren, etc.; wichtig: Kommunikation aufbauen, sich in den anderen „hineinversetzen“
  • freie Gruppenimprovisation mit Einschränkung: z. B. sollen nie mehr als drei Musiker gleichzeitig spielen (bewusst einsteigen – bewusst pausieren)
  • rhythmische Variationen: z. B. Synkopen, Triolen, Quintolen, usw. einbauen – mit rhythmischen Mitteln einen Spannungsbogen gestalten
  • Improvisation im seriellen Stil – alle zwölf Töne sind gleichwertig und sollen möglichst gleich oft vorkommen
  • mehrere freie Improvisationen nacheinander im Kontrast
  • Solo: modulieren – Mischung aus tonalen und atonalen Feldern, durch verschiedenste Tonarten „spazieren“ gehen, „chamäleonartig die Farben wechseln“, sich nicht festlegen
  • Duo: Wie fließt die Energie? den anderen unterstützen, Impulse geben, – dem Partner Raum geben – auf formalen Ablauf achten
  • „Minimal Music“, Verschachtelung / Überlagerung von kurzen Motiven, sich nach und nach in den musikalisch Fluss begeben
  • Stille an der richtigen Stelle = Musik
  • Improvisation mit Klangfarben, „wie ein abstraktes Gemälde“ – Effekte, Luftgeräusche, perkussives Spiel, etc. immer feinfühlig bleiben, auf Ästhetik achten.
  • „fliegen“ und „landen“ innerhalb eines Akkordschemas – sich davon lösen und auf betontem Schlag wieder auf einem Akkordton „landen“
    Diese Liste könnte man noch lange weiterführen.

Faszinierend ist es, zu beobachten, wie Musiker unterschiedlicher Niveaus gemeinsam etwas Eigenes, in sich Stimmiges entwickeln. Im Verlauf eines Kurses erfährt jeder der Teilnehmer eine progressive und kollektive Entwicklung. Dadurch entsteht die notwendige sensible Gruppendynamik, die Voraussetzung für Intuitives Musizieren ist.
Begeisternd ist die positive Art, mit der Markus Stockhausen auf jeden einzelnen Kursteilnehmer eingeht. Einerseits nimmt er Musikern, die in Sachen Improvisation noch unerfahren sind, Angst und Hemmungen, gleichzeitig schafft er es, jeden Teilnehmer dort „abzuholen“, wo er sich musikalisch gerade befindet.

Die Möglichkeit, zusätzlich an Yoga- sowie Konzentrations- und Meditationsübungen teilnehmen zu können, finde ich außerordentlich bereichernd, jedes mal wieder aufs Neue. Der Begriff „… And More“ gewinnt vor allem dadurch an Qualität – zusammen mit „Intuitive Music …“ entsteht ein ganzheitliches, innovatives Erlebnis.
Spannend wird es zudem, wenn „Intuitive Music, Dance and More“ angesagt ist. Durch Bewegung kommt eine weitere Komponente und Inspirationsquelle hinzu: Musiker reagieren auf Tänzer und umgekehrt – eine interaktive Performance, ein Gesamtkunstwerk entsteht.
Und als abrundende Coda jedes Kurses gibt es am Ende in der Regel ein öffentliches Konzert.

Als ich zu meinem ersten Kurs nach Bogliasco fuhr, wusste ich noch nicht, wie sehr mich dieser in meiner Art des Musizierens und des Denkens über Musik beeinflussen und verändern würde … Für mich ist inzwischen Intuitive Musik die befreiende Art geworden, Musik zu leben. Ich habe seither einen viel engeren und tieferen Bezug zu meinem Instrument gefunden, und es hat sich ein grundlegend entspanntes Spielgefühl eingestellt.
Jetzt endlich spüre ich den Raum für Kreativität und Unerwartetes … Nicht selten werde ich durch die Ideen der Mitspieler überrascht – und manchmal auch von mir selbst. Es entstehen sogar Momente, in denen ich mich vergesse und einfach Teil des Ganzen werde – das unbeschreibliche Gefühl „Musik zu sein“ kann ich hier immer wieder erfahren. Dies bedeutet Lebensausdruck, d. h. Leben in und durch Musik. Jeder Teilnehmer bringt nicht nur Töne, sondern seinen Charakter, seine Fantasie, sein ganzes Wesen ein.

Stille – Leere
ein weißes Blatt
aus dem Nichts entsteht Klang
vergeht wieder
jedes mal neu – überraschend
jeder Moment einmalig – kehrt so nie wieder
Schönheit in Vergänglichkeit




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