Energien beim Improvisieren

Als Musiker sind wir Kanal von Energien, die wir ausdrücken und die etwas bewirken, in uns und vor allem dann im Publikum, das unsere Musik hört. Dementsprechend ist unsere Verantwortung groß.

Teilte man den Menschen in drei große Bereiche ein, so wären das zum Beispiel

1. das Vitale (kurz: Bauchgefühl)
2. das Emotionale (Herzgefühl)
3. das Mentale (Kopf)

ad 1. Zum Vitalen gehören der Rhythmus, die starke Ausdruckskraft, die Spielfreude, ganz allgemein alles, was der Musik Kraft, Energie und Rhythmus gibt, der Stoff, auf dem die anderen Elemente aufbauen, die „Materie“ der Musik sozusagen. Im Negativen kann das Vitale zerstörerisch wirken, wenn die Musik zu laut, zu grob, zu elementar oder banal ist. Im Positiven wirkt das Vitale anregend, erregend, Kraft spendend, bis hin zur Ekstase.
ad 2. Zum Emotionalen gehören alle feinen wie starken Gefühle in der Musik, die über den Rhythmus, die Melodie und vor allem auch in der Harmonie ausgedrückt werden können. Im Negativen kann eine zu emotionale Musik kitschig oder sentimental sein, im Positiven sind wir erhoben, tief berührt und beglückt. Gewaltige Kräfte können durch starke Gefühle in uns ausgelöst werden. Und eine schön gespielte Melodie kann uns zum Weinen bringen.
ad 3. Zum Mentalen gehört alles, was die Struktur und Konstruktion der Musik betrifft, im Rhythmus, in der Melodie, Harmonie und in der ganzen Proportion der Musikteile, der Formverläufe, der Komposition, auch wenn diese in der Improvisation ja spontan ist.
Im Negativen ist eine Musik zu konstruiert, eben zu mental, verkopft, zu dissonant, zu intellektuell, auch kalt manchmal; im Positiven wirkt sie befriedigend, interessant, gelungen, oft überraschend, und wir fühlen uns bereichert durch das Neue und sind voller Bewunderung.

In concerto

Sind all diese Aspekte im Lot, denken wir kaum über die Musik nach, alles fühlt sich richtig an und wir finden schnell den Zugang zur Musik und zu dem, was das Wesen der Musik ausmacht. Sind sie nicht in Harmonie, fangen wir an darüber nachzudenken, was nicht stimmte, wo wir uns unwohl fühlten, was uns kalt ließ, oder was uns zu langatmig war, zu flach oder zu laut, zu grob, wie auch immer.
Jeder empfindet das etwas anders. Aber es gibt doch auch einen gemeinsamen Nenner, der bei der Mehrheit der Hörer zum Beispiel eine Empfindung des Schönen hervorbringt.
Eine besondere Schwierigkeit liegt darin, ein Konzertverlauf so aufzubauen, dass sich die Musik bis zum Schluss zu steigern vermag, nicht nur durch Virtuosität und Lautstärke, sondern besonders durch die Hinführung des Publikums zu immer tieferen Schichten des Empfindens, bis hin zu ganz feinen Gefühlen, die bis ins Spirituelle führen. Da die Balance zu finden ist sehr schwer.
Besonders schwer kann es auch sein, nach einem erfüllten und beglückenden, in sich abgeschlossenen Konzertprogramm noch eine Zugabe zu spielen. Gerade in der Improvisierten Musik, wo manchmal dann wirklich schon alles gesagt wurde, besteht die Gefahr, dass man nicht anders weiß, als zum Schluss noch einmal eine Steigerung zu versuchen, durch extreme Virtuosität und auch Lautstärke, was alles vorher Gesagte zunichte manchen kann. Es löscht das Feine aus, denn zurück bleibt der letzte Eindruck, der, auch wenn das Publikum mitgerissen ist und tobt, doch grob sein kann und oft ein Gefühl einer Leere hinterlässt, einen schalen Geschmack. Wenn es aber gelingt, gehen alle, Musiker wie Publikum, tief ergriffen und beschwingt nach Hause. Das ist am Schönsten.

Der Musiker muss sich bewusst werden, welche Energien er zum Ausdruck bringt und auf welche Weise. Er muss zum bewussten Lenker dieser Kräfte werden, Meister seiner selbst.

Zum Abschluss

Zarte Reize wirken lösend,
mäßige Reize wirken stärkend,
starke Reize wirken hemmend
und überstarke zerstörend.
Hugo Kükelhaus

Leben ist ein fortwährendes Üben
Hugo Kükelhaus




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